Prima Klima in Lima

Lima gefällt mir! Noch vor einer Woche war ich mir sicher, dass ich diese drei Wort nie über die Lippen bekommen würde, aber Lima hat anscheinend auch eine nette Seite. Das einzige, was ich vorher mit Perus Hauptstadt assoziierte, war Chaos, Lärm, Staus, noch mehr Lärm, grauer Himmel, krasse soziale Unterschiede und überteuerte Taxifahrten. Alle Sachen haben sich im Prinzip nicht groß geändert, aber in so manchem entdecke ich mittlerweile einen kleinen Charme:

Das Chaos ist natürlich geblieben, wie sollte es sich auch von jetzt auf gleich in Luft auflösen – aber zumindest verkehrstechnisch erkenne ich mittlerweile ein System darin. Der Lärm ist auch immer noch nicht zu unterschätzen, aber es würde keinen Sinn machen aus allen Autos die Hupe auszubauen – dann wäre es wahrscheinlich verwirrend ruhig… Staus, ja, die gibt es auch definitiv noch. Auch eine Sache, die sich nicht ändern wird, solange es in einer 8 Millionen Einwohner–Stadt keine U-Bahn gibt, dafür aber unzählige Bus- und Taxifahrer, die fahren, wie sie gerade lustig sind. Die krassen sozialen Unterschiede sind ein Aspekt, der von der Stadt als erstes in Angriff genommen werden sollte. Limas eine Seite liegt am Pazifik (natürlich die wohlhabenden Stadtteile), die andere Seite führt in die Wüste, wo sich nach und nach die armen Leute und die Migranten ansiedeln, die sich von Lima den Start in ein besseres Leben erhoffen. Der Rand von Lima ist also von spontanen Siedlungen mit Wellblechhütten bevölkert, den sogenannten pueblos jóvenes. Elektrizität und fließendes Wasser sind ein Luxus, der dort bislang noch nicht angekommen ist. Die Regierung hat zwei Möglichkeiten: Entweder vertreiben sie die Leute, die sich dort eh illegal angesiedelt haben (die Gebiete gehören dem Staat), was allerdings die Probleme nicht löst, da die Bewohner sich einfach 1km weiter nebenan wieder niederlassen. 2. Möglichkeit ist Unterstützung, sprich Aufbau einer Infrastruktur, Abwassersysteme, Wasser- und Stromversorgung etc. Da aber beide Möglichkeiten entweder im-Kreis-drehen oder hohe Kosten bedeuten, wird halt einfach nix gemacht. Und so wachsen und gedeihen die wohlhabenden Viertel (=Miraflores, San Isidro, Pueblo Libre, Barranco) und die pueblos jóvenes werden nicht weiter beachtet…

Zu den überteuerten Taxifahrten kann ich nicht viel sagen, weil ich dieses Mal nur 2x Taxi gefahren bin und sonst immer den öffentlichen Bus genommen habe! Genial, sage ich euch, das ist ein Spaß! Ich habe in meinem Hostel gefragt, wie ich denn von A nach B kommen kann. Antwort: „Ja, da kannst du viele Busse nehmen. Z.B. die Nummer 29 in Richtung Miraflores. Das ist meistens so ein kleiner Bus mit blauen Streifen.“ So weit, so gut! Zusätzlich muss man natürlich wissen, wo der Bus herfährt. Dann stellt man sich einfach an die Straße, wartet darauf, dass der Bus kommt und winkt. Erster Haken: Ich habe die (kleinen) Zahlen auf den Bussen erst entdeckt, als diese schon an mir vorbeigerast sind (weil die Zahl an der Seite und nicht vorne steht…). Zweiter Haken: Es stand immer die Richtung Chorillos drauf, was im Prinzip meine entgegengesetzte Richtung ist. Also habe ich mir gesagt, dass Nummer und Richtung zu nix führen. Deswegen habe ich mich an den Cobradores orientiert: Das sind diejenigen, die während der Fahrt aus der offenen Bustür heraushängen und die unterschiedlichen Ziele der Fahrt hinausschreien. Sobald ich also etwas Bekanntes gehört habe, habe ich gewunken und konnte einsteigen. Dann ging die Achterbahnfahrt los, es wird ordentlich Gas gegeben und ja nicht zu früh gebremst… Zum Aussteigen sagt man dem cobrador einfach wieder Bescheid und dann wird man dort rausgelassen, wo man hinmöchte. Nix mit Haltestellen o.ä. Eine Fahrt kostet übrigens 1Sol, was ca. 25Cent sind.

Nächstes (ähnliches) Thema: der Verkehr. Dass hier jeder so fährt, wie er will und Zebrastreifen nix mehr als Straßendeko sind, ist kein Geheimnis mehr. Aber, wie oben schon erwähnt, habe ich mittlerweile ein System im Chaos, genauer gesagt beim Hupen, entdeckt. Es gibt dabei verschiedene Kategorien:

–          Hupen aus Prinzip: wenn mir irgendwas nicht passt, der Bus gefährlich nahe kommt, der Vordermann zu langsam fährt oder ich es eilig habe, hupe ich, auch wenn ich weiß, dass sich dadurch nix ändert

–          Hupen als Antwort: Wenn ich angehupt werde, hupe ich freundlich zurück

–          Hupen als Verkehrsregel: Wird verwendet, um die Spuren zu wechseln, um sich selbst Vorfahrt zu gewähren oder um andere zu warnen, wenn man auf eine leere Kreuzung zufährt.

–          Hupen als sozialer Kontakt: Freunde und Bekannte möchten natürlich gegrüßt werden.

–          Hupen auf deutsche Art: In Deutschland hupt man nur böse (finde ich). Wenn ich in Deutschland angehupt werde, weiß ich, dass der Mercedes hinter mir schon auf 180 ist. Hier gibt es auch das böse Hupen, bspw. wenn einer versucht auf einer vierspurigen Straße 3m vor der Kreuzung doch noch versucht von ganz links nach rechts abzubiegen (und das sogar schafft…). Dann wird von allen drei anderen Spuren fleißig gehupt, der Abbieger hupt als Antwort zurück und damit hat sich die Sache.

Auch schön (und am Dienstag noch gesehen) ist, wenn es keinen Blinker gibt. Dann wird einfach auf der linken Seite der Arm rausgehalten, damit der Hintermann weiß, dass es nun nach links geht. Ist natürlich auf der rechten Seite etwas schwieriger, weswegen dort (mal wieder) die Hupvariante gewählt wird.

Am Sonntag bin ich übrigens das erste Mal überhaupt in Peru Auto gefahren!! Bisher hatte ich mich nie getraut bzw. hatte auch nie die Möglichkeit dazu. Sonntag war es dann aber so weit: Ich wurde gefragt, ob ich fahren kann und will, ich sagte ja und ja, schon saß ich hinterm Steuer und ich bin stolze 40 Minuten durch Lima gedüst:-)! Da Sonntag war, war aber nicht so viel los auf den Straßen, so dass ich mich wirklich gut geschlagen habe.

Noch eine interessante und zugleich sinnvolle Sache: In jedem peruanischen Perso und in jedem Führerschein werden zwei besondere Dinge angegeben, die es bei uns nicht gibt: Zum Einen ist die eigene Blutgruppe eingetragen, zum Anderen muss jeder eine Angabe darüber machen, ob er im Falle seines Todes seine Organe spenden würde. Die Diskussion, die derzeit in Deutschland geführt wird, ob und wenn ja wie jeder Einzelne sich dafür oder dagegen entscheiden sollte, gibt es hier also gar nicht. Ich halte beide Angaben für sehr sinnvoll, was spricht in Deutschland dagegen so etwas auch einzuführen und im Perso einzutragen?! Oder gibt es das sogar schon in den neuen Persos?

So, jetzt habe ich hier schon einiges geschrieben und mit keinem Satz erwähnt, dass es mir sehr gut geht und ich mich pudelwohl fühle. Perus Hauptstadt hat mir ihre schöne Seite gezeigt: Bei rund 26 Grad habe ich zum ersten Mal sogar Limas blauen Himmel und die Sonne gesehen und ein paar sehr schöne Ecken dieser riesigen Stadt kennengelernt. Fast würde ich sogar sagen, dass es mir schwer gefallen ist Lima wieder zu verlassen… Am Dienstag bin ich nämlich nach Piura in den Norden Perus geflogen. Dort befindet sich die Fairtrade Kooperative Cepicafe, bei der ich die nächsten 7 Monate arbeiten werde. Neben Kaffee, Zucker und Kakao erwarten mich schwülwarme 32 Grad und ein interessantes Tourismusprojekt! Ich bin gespannt!

Hasta luego!

Ps.: Noch eine Sache: Die Peruaner sind fußballverrückt! Wie oft ich in den letzten 7 Tagen über Farfán, Guerrero und Pizarro gesprochen habe, weiß ich schon nicht mehr… Habe außerdem gerade beim Mittagessen meine erst Wette abgeschlossen: Am 19. Mai spielt anscheinend Bayern gegen Chelsea in der Championsleague. Ich sage, dass Bayern gewinnt, Aris sagt, dass Chelsea gewinnt. Wetteinsatz: 5 Cuzqueñas (das beste Bier in Peru). Ich bin gespannt auf die nächste Wette: am 3. Juni spielt Peru gegen Kolumbien in der WM-Qualifikation für Brasilien 2014;-)…

Listo, Meike vuelve!

Es geht los, 8 Monate nach Piura in Peru!